Gleichgewichtsprobleme als Ursache für Rückenschmerzen

Mögliche Ursachen für chronische Rückenschmerzen können sehr vielfältig sein. Selten steht ein strukturelles Problem hinter dauerhaften Rückenschmerzen. Nicht umsonst spricht man in diesem Fall von unspezifischen Rückenschmerzen. Eine mögliche Ursache für Rückenschmerzen und Verspannungen können Störungen in unserem Gleichgewichtsorgan sein, dem Vestibularsystem.

Unser Gleichgewichtsorgan besteht primär aus den Bogengängen und den Macularorganen Sacculus und Utriculus. Die Bogengänge empfangen Winkelveränderungen im Kopf, wie Rotation oder Seitneigung, Beugung und Streckung. Die Macularorgane sind für die Wahrnehmung von translatorischen Bewegungen verantwortlich, z.B. auf und ab und vor und zurück. Entsprechend der jeweiligen Kopfbewegung werden die Bogengänge oder Macularorgane aktiviert bzw. stimuliert.

Unser Gleichgewichtsorgan hat eine direkte Verschaltung zu der Extensormuskulatur unseres Körpers, u.a. dem kompletten Rückenstrecker, zu dem auch der untere Rücken gehört. Durch diese neuronale Verschaltung können sich Gleichgewichtsstörungen auch negativ auf die Rückenmuskulatur auswirken. Die Folge sind Schmerzen und/oder lokale Verspannungen. Diese können z.B. auch einseitig sein, wenn das Gleichgewichtssystem nur einseitig gestört ist. Die Störung des Gleichgewichtssystems merkt man nicht direkt, wohl aber die mögliche Auswirkung in Bezug auf die Rückengesundheit.

Um festzustellen, ob das Gleichgewichtsorgan Dysfunktionen aufweist gibt es verschiedene Tests, die gemacht werden können. Sinnvoll ist diese Herangehensweise, wenn z.B. klassisches Stretching, Krafttraining und Mobility sich als wirkungslos gezeigt haben. Sollte nach solchen Trainingsmaßnahmen sich die Rückenschmerzen nicht signifikant verbessern oder man eine Stagnation erreicht, macht es Sinn das vestibuläre System checken zu lassen.

Ein solches Assessment dauert nur wenige Minuten und zeigt direkt Lösungsmöglichkeiten auf. Ergebnisse der Schmerzreduktion zeigen sich so innerhalb von wenigen Minuten. Natürlich wirkt diese Lösungsstrategie nur dann, wenn das Problem auch im vestibulären System sitzt, was jedoch bei vielen Rückenschmerzpatienten tatsächlich der Fall ist.

Was du nicht unbedingt wissen musst - vertiefende Neuroanatomie:

Die drei Bogengänge im Innenohr werden unterteilt in anterior, posterior und den horizontalen Bogengängen. Diese werden auf Grund der jeweiligen Rotationsbewegung stimuliert. So bewirkt eine Kopfflexion eine Aktivierung beider anterioren Bogengänge. Bei einem Schleudertrauma kann es zu einer Überaktivität der anterioren oder posterioren Bogengänge kommen. Das Macularorgan Succulus registriert auf und ab-Bewegungen, die z.B. beim Fallen stimuliert werden. Ein Fallen zur rechten Seite würde z.B. den rechten Succulus aktivieren. Das Macularorgan Utriculus registriert vor und zurück-Bewegungen und ist bspw. beim Sprint aktiv.

In den Bogengängen befindet sich die sogenannte Endolymphe, die bei Kopfbewegungen in Bewegung gebracht wird und in der Cupula die Haarzellen aktiviert. Diese sind wiederum mit dem Nervus Vestibulocochlearis verschaltet. Der VIII Hirnnerv ist mit den Vestibulariskernen im Hirnstamm verbunden, die im Pons sitzen. Von hier aus führt ein medialer und ein lateraler Trakt (Vestibulospinaler Trakt) einmal in Richtung Rückenstrecker (medialer Trakt) und in Richtung der Extremitäten. Der mediale Trakt innerviert in erster Linie die Nackenmuskulatur während der laterale Trakt die Extensormuskualtur der Extremitäten ansteuert. Gemeinsam bewirken sie eine schützende Kontraktion bei einem Sturz (Vestibulospinaler Reflex).

Sind Anteile des vestibulären Systems dauerhaft überaktiv, weil gestört, kann dies einen erhöhten Muskeltonus in der Extensormuskulatur ipsilateral oder auf der contralateralen Seite der Flexormuskulatur bewirken. Daraus kann sich im Laufe der Zeit ein Schmerz entwickeln - falls sich der Muskeltonus nicht reduzieren lässt.

Liegt eine Störung des vestibulären Systems vor, was zu chronischen Rückenschmerzen führt, sollte die überaktive Seite heruntergefahren werden, bzw. die gegenüberliegende Seite aktiviert werden, da eine Überaktivität der einen Seite in der Regel zu einer Unteraktivität der contralateralen Seite führt. Daraufhin ist zu prüfen, ob sich der Muskeltonus reduziert bzw. der Schmerz heruntergefahren wird.

In der Praxis verwenden wir in unserem Team häufig einen Muskelfunktionstest für den SCM (M. sternocleidomastoideus), da dieser meist direkt eine Aussage zulässt, ob eine Störung des vestibulären System vorliegt, bzw. ob ein Training des vestibulären Systems zu Verbesserungen führt oder nicht.

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