Flossing

Das Flossing (auch Voodoo- oder Ninja Flossing, oder Kompressionsbandagen genannt) ist eine relativ junge bzw. wiederentdeckte Therapiemöglichkeit und bietet ebenfalls die Chance Trainingseffekte zu unterstützen. Eine Dokumentation über Kompressionstherapie findet sich bereits im alten Rom. Das Flossing erinnert dabei etwas an die Schnürbandagen der Gladiatoren. Manchmal können es die einfachsten Mittel sein, welche die größten Effekte erzielen. Das gilt auch heute noch. Heutzutage, in Zeiten des 21. Jahrhunderts, steht das Kolosseum allerdings still. In der Therapie- und Trainingsbranche besitzen wir mittlerweile zum Glück in den meisten Fällen mehr Literatur, mehr Evidenz und dadurch auch insgesamt mehr Wissen. In der Regel folgen allerdings auf erforschte Aspekte zumeist auch fortführende Fragestellungen in der Wissenschaft…

Mögliche Effekte

Die aktuell behaupteten Effekte müssen kritisch betrachtet und diskutiert werden. Leider gibt es zum Flossing nicht viel mehr als Praxiserfahrungen, die im Laufe der letzten Jahre gesammelt wurden. Ein erneutes Wiederaufleben erlang das Flossing u.a. durch Dr. Kelly Starrett, der es in einem seiner Bücher  thematisierte. Abschnürende Kompressionsbandagen werden allerdings bereits seit den 70er Jahren untersucht. Daraus ergab sich, dass durch mechanischen Druck (Kompressionsmanschetten), der von außen auf das Gewebe gebracht wird, vegetative Veränderungen ergeben. Bei der Stimulation von Mechanorezeptoren erfolgt eine Reduzierung der Sympathikusaktivität, auch postexzitatorische Depression genannt. Gleichzeitig kommt es durch diese Stimulation zu einer erhöhten Fluidität in der Extra-Zellular-Matrix. Das bedeutet, dass sich das wässrige Milieu verändert und der Wassergehalt der Grundsubstanz erhöht wird. Seit geraumer Zeit ist demnach bekannt, dass extern auf den Menschen einwirkende Kompressionen durch die Kommunikation zwischen Nervensystem und Faszien unterschiedliche Effekte hervorrufen können. Dazu gehören u.a. die Schmerzlinderung, eine verminderte Muskelaktivität, erhöhte Durchblutung, ein verbesserte Resorption des Lymph- und Gefäßsystems und ggf. sogar höhere Hypertrophie-Effekte.

Ödeme

Zu unterscheiden sind hierbei jedoch ganz deutlich die Druckstärken. Die mechanischen Drücke die durch beispielsweise. Foam Rolling oder Flossing hervorgerufen werden, sind für einen konkreten Flüssigkeit-Abtransport über das Lymphsystem viel zu hoch. Diskutiert werden in diesem Zusammenhang sofortige Rücktransporte über das venöse System, sodass das Lymphsystem quasi „übergangen wird“. Hierbei stellt sich jedoch die Frage, inwieweit gewisse Stoffwechselendprodukte (Makromoleküle, die nicht durch die semipermeable Membran kommen) „vergessen“ werden.

Das Flossing selbst kann dadurch ggf. auch bei Ödemen indiziert sein, wobei ebenfalls die Gefahr vorhanden sein kann, durch die hohen Kompressions- und Scherkräfte Lymph- und Gefäßkapillaren zu zerstören. Letztlich wäre dieser Prozess kontraproduktiv.

Je nachdem, ob entödematisierende oder flexibilisierende Effekte als Ziel im Vordergrund stehen, sollten die Anlagetechniken daher variiert werden. Denn auf das Abbinden (erzeugte Vasokonstriktion = Minderdurchblutung) folgt eine erhöhte Durchblutung (Vasodilatation). Kommt es von arterieller Seite zu einer Mehrdurchblutung erhöht sich die Filtration von Flüssigkeit ins Gewebe. Darauf würde demnach eine erhöhte lymphpflichtige Last folgen, was bedeutet, dass sich das Ödem verstärken bzw. erhöhen würde, sofern wir dadurch nicht in der Lage sind, das Ödem direkt in das Venensystem zurück zu pressen. Gleichzeitig ergeben sich vermutlich biochemische Prozesse, die durch eine verstärkte Entzündung auch den Heilungsprozess anregen können. Dennoch bliebe das, sofern eine Insuffizienz des Lymphsystems vorliegt, relativ irrelevant, da der Abtransport weiter erschwert bliebe. Die Aufgabenlast würde sich erhöhen, bei herabgesetzter Leistungsfähigkeit. Bislang gibt es keine untersuchten Nachweise hierzu, dass durch das Flossing und die ausgeübte enorme Kompression vorhandene Ödeme direkt in das venöse System gepresst werden können, weswegen bei Ödemen die Anwendung mit Vorsicht zu genießen sein sollte. Insbesondere gilt dies für chronische Zustände. Unmittelbar nach einem Trauma, in einem akuten Zustand, kann das Flossing eine einzigartige Hilfe, ebenfalls in Kombination mit Eis, darstellen. Dadurch kann die Einblutung und Ödembildung minimiert werden.

Mobilität und Flexibilität

Sofern ein gesundes Lymphsystem vorliegt und die Mobilität verbessert werden soll, eignet sich das Flossing erfahrungsgemäß sehr gut. Im Grunde können damit alle Gelenkregionen der Extremitäten behandelt werden (Im Fallbeispiel bspw. das Kniegelenk). Im Rahmen der gesteigerten Beweglichkeit ist es ebenfalls denkbar, dass es durch die passive, assistive oder aktive Bewegung während der Anwendung zu einer vermehrten Zerreißung pathologischer Crosslinks im Bindegewebe kommt. Dadurch, dass Gewebe an zwei Enden massiv fixiert wird, erhöht sich der Flexibilitätsstress auf das dazwischen liegende Gewebe. Gleichzeitig kommt es allerdings auch direkt unter den applizierten Floss-Bands zu spürbaren Scherkräften. Welche Techniken daher primär angewendet werden, ist im Einzelfall, je nach Ziel, zu entscheiden. Zudem kommt es, wie bereits beschrieben, zu einem erhöhten Wassergehalt. Es ist anzunehmen, dass in der Region, die primär dieser Scherkraft ausgesetzt ist, neue Hyaluronsäureketten gebildet werden, welche das Wasser binden und dadurch ein geschmeidigeres Milieu erzeugen können. Leichte Verschiebungen der Gelenkpartner (Distraktion) während der Bewegung könnten dadurch ebenfalls einen positiven Effekt haben. Daher kann die Anwendung von manuellen Mobilisationstechniken während der Applikation sehr von Vorteil sein.

Kraft und Hypertrophie

Die energetische Auslastung der Skelettmuskulatur stellt neben hohen Spannungszuständen den entscheidenden Reiz dar, um einen Hypertrophie-Effekt erzielen zu können. Die energetische Auslastung wird durch das Flossing (wie bereits in den 70er Jahren durch Manschetten mehrfach untersucht) erhöht. Dies erzeugt eine künstlich hervorgerufene Ischämie (Minderdurchblutung), welche der Muskulatur quasi eine frühere Ermüdung „unterjubelt“. Dadurch genügen bei einem Training mit Manschette (Zugkompressionen) verhältnismäßig geringere Lasten, um einen Dickenwachstum des Muskels zu erreichen. Daher kann, insbesondere bei atrophierter Muskulatur, ein Training unter diesen Bedingungen sinnvoll sein, um einen Mehreffekt erzielen zu können.

 

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